Wir brauchen eine Rückbesinnung auf das, was uns verbindet, um Frieden herzustellen – auf unsere Wurzeln als Menschen und auf das, was uns wirklich ausmacht.

Ich verfolge in großer Anteilnahme und Bestürzung das, was gerade in meiner Heimatstadt Hamburg passiert. Ich habe 38 Jahre dort gelebt – ich sehe die Bilder der Zerstörung, der Gewalt und des Hasses, und ich erkenne dabei die Straßen, Plätze und Gebäude, dir mir aus meinem eigenen Erleben so vertraut sind.

Es macht mich unendlich traurig, zu sehen, was jetzt gerade geschieht. Im Herzen bin ich bei allen Menschen, die dort zurzeit in Gefahr sind – und auch bei jenen, die Gewalt ausüben, auf allen Seiten, einschließlich jener, die in politischen Positionen Gewalt gegen andere Völker oder die Erde anwenden. Wahrscheinlich brauchen sie am meisten Liebe und Mitgefühl.

Abgesehen davon, dass ich es für eine bemerkenswerte Provokation halte, den G20-Gipfel wissentlich ins Hamburger Schanzenviertel zu legen – die Hochburg des Widerstands gegen den „Globalismus“ – und damit bewusst die schweren Ausschreitungen in Kauf zu nehmen, sie vielleicht sogar mit hervorzurufen, so sehr drängen sich mir in diesen Tagen ganz andere Gedanken auf.

Ich meine: Die, die sich dort bekämpfen, haben viel mehr gemeinsam, als sie es wohl selbst wissen und als es den Anschein hat. Ich gestehe ein, dass dies, solange wir uns auf die äußeren Erscheinungen fokussieren, wahrscheinlich für manchen wie Hohn klingen mag. Es geht mir aber um eine andere Ebene.

Oft lese oder höre ich den Begriff „radikal“ in Zusammenhängen wir diesem: Radikale Demonstranten, radikale Beschlüsse, radikale Reaktionen.

Wir müssen uns wieder darauf besinnen, radikal Mensch zu sein.

Der lateinische Ursprung dieses Wortes, „radix“, bedeutet „Wurzel“, im übertragenen Sinne „Ursprung“; die spätlateinische Bildung „radicalis“ bezeichnet „angeboren, angestammt, natürlich“. Mit Blick auf diesen Wort-Sinn können wir verstehen, dass wir in der Tiefe unseres Seins alle gleich sind – in unseren Wünschen, Ängsten und Sehnsüchten, in unseren Bedürfnissen, Träumen und Hoffnungen. Wir alle wollen uns geliebt, sicher und beschützt fühlen, wir alle fürchten Schmerz, Leid und Tod.

Ich habe einmal eine Ausstellung mit den „World Press Photos oft the Year“ besucht. Als ich vor den Bildern stand, wurde mir eins klar: Im Lachen und im Weinen sehen alle Menschen gleich aus – der Bauer aus Somalia genau wie der GI in Afghanistan, der indische Bettler genau wie der Wallstreetbanker.

Genau an dem Punkt liegt Funken für ein anderes Zusammenleben, als wir es in dieser Zeit so oft sehen.

Was wir dringend brauchen, ist Frieden. Einen Frieden jenseits von richtig oder falsch, gut oder schlecht, Recht oder Unrecht. Einen Frieden, der sich auf das radikale Menschsein gründet.

Ich bin kein Träumer und gebe mich keinen Illusionen hin. Es wird auf der Welt auch in Zukunft weiterhin Gewalt, Zerstörung und Kriege geben. Und dennoch können wir dem etwas entgegensetzen.

Immer beginnt es in uns selbst.

Denn dieser Frieden wird nicht „von oben“ kommen und auch nicht zufällig. Er wird in jedem von uns seinen Anfang haben und sich dann von dort aus ausdehnen. Es ist ein Frieden, der auf „Selbst-Bewusstsein“ und Eigenverantwortung beruht, auf der Akzeptanz der eigenen Fehler, Grenzen und Unzulänglichkeiten – und der damit ein Verständnis einschließt für die Fehler, Grenzen und Unzulänglichkeiten der anderen. Und auf dem Bewusstsein der eigenen Potenziale, die wir, wenn wir sie entfalten und ins Leben bringen, dann auch in anderen an-erkennen und so gegenseitig verstärken können.

Vor etwa einem Jahr habe ich einen spannenden Kommentar zu einer anderen Demonstration gehört. Sinngemäß wurde gesagt: Schön und gut, zu Demonstrationen zu gehen – aber um wie viel mehr wäre der Welt geholfen, wenn alle Menschen, die auf Demos sind, am Abend zu Hause zum Telefonhörer greifen und jene Menschen anrufen, mit denen sie noch im Streit oder im Konflikt sind – und sie um Vergebung und Frieden bitten?

 Der Krieg, den wir im Außen sehen, ist immer auch ein Abbild des Krieges, den wir selbst noch in uns tragen.

Wir können in der Regel nicht direkt verhindern, dass Menschen mit Waffengewalt getötet werden, dass die Regenwälder abgebrannt werden oder das immer noch jede Minute unzählige Kinder verhungern oder missbraucht werden. Wenn wir aber Frieden in uns herstellen und mit den Menschen, mit denen wir in Berührung kommen, achtsam, klar und liebevoll umgehen, bewirken wir einen großen Unterschied, der sich irgendwann auch auf der äußeren Ebene bemerkbar machen wird. Umso schneller und eindrücklicher, je mehr Menschen diese Art von Frieden in sich entstehen lassen.

Wir brauchen einen Frieden, der sich auf Vergebung stützt – vor allem sich selbst gegenüber. Ein Frieden, der die Größe des Anderen neben sich genauso ertragen kann, wie die eigene zu würdigen – ohne Angst, Anmaßung oder Selbstgerechtigkeit.

Wir brauchen einen Frieden, der einschließt, integriert und verbindet – in dem Bewusstsein, dass alle äußerlichen Unterschiede künstlicher, illusionärer Natur sind. Dass es eine viel tiefere Verbindung gibt. Ein Frieden, der Toleranz und Respekt daher als Grundwerte besitzt – in der Klarheit, der Selbstachtung und dem Mut zur eigenen Wahrheit. Und nein, das bedeutet nicht Gleichmacherei. In unserer Individualität liegt Stärke, in unseren verschiedenen Fähigkeiten Potenzial, in unserer Andersartigkeit Bereicherung.

Es geht nicht mehr gegeneinander, sondern nur noch miteinander.

Es war nie anders. Lernen wir, uns wieder zu sehen, uns zu erkennen und in die Arme zu schließen.

Beginne bei dir. Umarme dich selbst. Und dann den, der neben dir steht. Schau, was dadurch möglich wird …

 

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.
(Rumi)