„Verzage nicht“, sagte sie. „Gib dem keinen Raum, das dich klein und unwert halten möchte, weil es sich daraus einen Gewinn verspricht. Es gibt an diesem Ort nichts dergleichen zu finden.“
„Es zieht mich aber immer wieder dorthin – wie durch eine unsichtbare Kraft, der ich mich nicht widersetzen kann. Und dann kommt diese unendlich schwere Traurigkeit.“
Sie hob die Schale empor und hielt sie ins Licht des Feuers. „Traurigkeit braucht ein Gefäß. Sie findet es in dir, wenn du die Verbindung mit dir verloren hast.“
„Aber sie ist einfach da.“
Sie blickte zu mir herüber, doch ihr Gesicht lag im Schatten. „Nun“, hörte ich sie sagen, „sie ist dir vertraut, und sie spendet dir Gesellschaft, weil du sie eingeladen hast.“
„Eingeladen?“
„Ein Teil in uns versucht ständig, etwas darzustellen, was wir nicht sind – in der Hoffnung, dann ein wenig Aufmerksamkeit, Liebe und Zugehörigkeit zu gewinnen. Doch für diesen flüchtigen Ertrag zahlen wir einen hohen Preis: Den Preis unserer Authentizität. Und den Preis einer verkümmernden Seele.“
„Und das zieht diesen Schmerz nach sich?“
„Deine Trauer ist auch die Trauer deiner Seele – dass du dich ihrem drängenden Ruf immer wieder verweigerst, dass du immer wieder an Orten nach Erfüllung suchst, an denen du sie nie finden wirst.“
Ich fuhr mit dem Finger die Maserung des Holztisches nach. „Das klingt ziemlich aussichtslos.“
Sie trat einen Schritt vor, und nun konnte ich erkennen, wie ihre Lippen und Augen ein Lächeln formten. „Nur, wenn du ihr Geschenk nicht annimmst, das sie dir mitbringt.“
„Welches Geschenk meinst du?“
„Sieh es wie den Besuch einer dir noch fremden Freundin. Lade sie ein, hereinzukommen, und höre ihr zu. Verstehe, warum sie dich besucht. Deine Bereitschaft, sie als das anzuerkennen, was sie für dich in Wahrheit ist, öffnet deine inneren Türen.“
„Und wenn die offen sind …“
„…. kannst du deine auf dich wartenden Antworten entdecken. Und sie hat ihren Auftrag erledigt.“
„Und dann ist alles gut?“
Das Feuer im offenen Kamin warf nun tanzende Lichter und Schatten auf ihr Gesicht. „Entdecke deine Sanftheit und deine Liebe zu dir selbst und zum Leben. Und nähre deine Seele, indem du deiner tiefsten Wahrheit folgst. Dann ist alles gut, ja.“