Ich habe heute eine Einladung zu einem Webinar erhalten – „die vier Geheimnisse für ein Leben gefüllt mit Wundern“. Und auch, wenn ich selbst viele Erfahrungen gemacht habe, dass wir sehr wohl einige wertvolle Dinge in der Hand haben, unser Leben erfüllter, reicher und „Wunder-voller“ zu gestalten, so überwiegt doch heute Abend etwas anderes: Während mir die beiden Damen auf dem Bildschirm meines Laptops etwas vom magischen „Gesetz der Anziehung“ erzählen, von göttlichen Geschenken und den besten Strategien, um die „Zone der Wunder“ zu betreten und von dort aus das eigene Leben in glücklichen, reich erfüllten Zügen zu genießen, hustet nebenan mein 15 Monate alter Sohn ununterbrochen und findet weinend und rotzend nicht in den Schlaf.

Ich denke an die zurückliegenden anstrengenden Tage und an jene Momente, wo meine Frau und ich uns angezickt haben, weil wir beide so erschöpft waren – und frage mich: Wie funktionieren denn „Wunder“, wenn es im Leben mal gerade so überhaupt nicht läuft? Wenn man viel zu wenig Schlaf, deutlich zu viele Sorgen und bis an die Belastungsgrenze gespannte Nerven hat? Wenn kein Lichtschimmer am Horizont zu sehen ist und man einfach nur hoffen kann, dass alles einfach irgendwie vorübergehen möge?

„Fokussiere deine Gedanken auf das, was du dir wünschst“, erklingt es gerade aus meinem Laptop. In diesem Moment ist das ein „geheimes“ Rezept, was mich nicht in federleichte Wunderländer trägt, sondern mich den „Aus“-Knopf am Computer drücken lässt. Ich schaue nach Frau und Kind, stelle eine Salzwasserlösung auf die Heizung, lege kleingehackte Zwiebeln in einer Kindersocke auf das Kopfkissen – das soll helfen – und setze mich dann mit Papier und Stift in die Küche.

Die Worte fließen nur so aus mir heraus – hier kommen meine persönlichen und hochaktuellen

 

4 Geheimnisse, wenn mal so gar nichts mehr geht

 

Geheimnis 1: Das annehmen, was ist.

Das, was eine Situation schwer macht, ist nicht die Situation, sondern der Widerstand dagegen. Widerstand gegen das, was nun mal gerade ist, führt zu Anstrengung und Leiden. Er erschöpft und macht kraftlos. Er ist lähmend und unproduktiv. Ich reagiere nur noch und fühle mich wie ein Opfer der Lebensverschwörung gegen mich.

Wenn ich es hingegen schaffe, die Situation so anzuerkennen, wie sie ist, ohne sie ändern zu wollen, wird alles plötzlich viel leichter. Ich muss sie nicht einmal gut finden, denn ich erkenne auch mein Genervt-Sein an. Es darf sein. Es erscheint mir sogar nachvollziehbar.  Und doch – was auch immer im Außen passiert: Die Erde dreht sich weiter. Die Sonne geht wieder auf. Irgendwann hört es auf zu regnen. Ich atme noch. Um was geht es also?

Indem ich akzeptiere, was ist, kann ich plötzlich wieder klare Gedanken fassen, die bis eben noch damit beschäftigt waren, sich auszumalen, wie dieser Situation zu entkommen sei oder warum eine einsame Insel im Pazifik die einzig tröstliche Zukunftsvision darstellen würde. Ich spüre, wie ich die Tür zu dem Raum der Möglichkeiten öffne. Ich brauche nur noch einzutreten.

 

Geheimnis 2: Hingabe an den Moment.

Wenn ich mit meiner ganzen Aufmerksamkeit (100 Prozent, nicht 97 Prozent – und schon gar nicht um die 14 Prozent) bei dem bin, was gerade ist – in mir und um mich herum –, verändert sich die Situation noch ein Stück weiter. Ich KÖNNTE meine Zeit jetzt für ein tolles Webinar nutzen, aber ich setze sie stattdessen BEWUSST dafür ein, meinem Kind und meiner Frau den Moment leichter zu machen. Und damit mir. Beim Schneiden der Zwiebel geschieht etwas Magisches (also wahrscheinlich das, was ich durch die „Geheimnisse“ des Webinars hätte erleben sollen): Ich fühle mich glücklich. Je mehr ich mich auf das Schneiden konzentriere, desto ruhiger werde ich, desto mehr habe ich das Gefühl, etwas Wichtiges und Wertvolles zu tun. Etwas Echtes. So banale Dinge wie Zwiebelstücke in eine Kindersocke stopfen bekommen Würde und Bedeutung. Ich fühle mich lustigerweise erfüllt – zum ersten Mal an diesem Tag.

 

Geheimnis 3: Du bist immer genug. Und dein Leben auch.

Ich verstehe mal wieder: Du brauchst gar nicht hinter den Karotten hinterherzurennen, die das Leben dir in mannigfacher Weise hinhält. Zumindest nicht ständig und immer. Statt „höher, schneller, weiter“ darf es einfach auch mal „tiefer“ gehen. Denn dort findest du Schätze, von denen du gar nicht wusstest, dass sie da sind. Das Glück ist längst in dir – du musst nichts hinzufügen, du brauchst nichts zu erreichen. Alles ist da. Du darfst höchstens verstehen, dass du ganz viel wegnehmen kannst, was sich zwischen dir und deinem inneren Frieden angehäuft hat.

Wir vergessen im Alltagsstress nur zu leicht, dass wir tatsächlich göttliche Wesen sind, dass wir eine unbegrenzte Weisheit in uns tragen, die wir über Intuition, Bewusstsein und Liebe in unserem Leben aktivieren können. „Wenn du keine Liebe hast, brauchst du Techniken“, habe ich irgendwo mal gelesen. Ich freue mich, dass ich mich gerade daran erinnere, und muss lächeln. Alles Gute ist einfach – alles Einfache ist gut. Das ist glaube ich sogar ein Merksatz von mir selbst.

 

Geheimnis 4: Gestalte aus diesem Moment heraus dein Leben.

Es mag pathetisch klingen, aber ich erlebe gerade, wie wahr dieser Satz ist. Es gibt immer nur diesen einen Moment, in dem wir uns gerade befinden – der Moment, wenn dein Kind hustet und rotzt, du dich weit weg wünschst und plötzlich erkennst, dass genau hier, in inmitten dieses Schlamassels, die Lösung bereits auf dich wartet. Dass alles bereits gut ist. Und dass du aus den „Zutaten“, die dir gerade vorgesetzt werden und dein Leben in diesem Augenblick ausmachen, etwas „Wunder-volles“ gestalten kannst – ob du es gut findest oder nicht.

Der Wert der Zeit, die du verbringst, bemisst sich nicht in Erreichtem, Gewonnenem, Geschafftem. Er setzt sich zusammen aus deinem inneren Frieden und dem, was du dadurch in die Welt bringst. Wie du dich mit dir und anderen verbindest, wie du dich berühren lässt und andere berührst – und in welchem Maße du erkennst, was dir wirklich wichtig ist.

Ich sitze am Küchentisch und schreibe auf, was ich erfahre: Indem ich meinen Widerstand loslasse, habe ich auf einmal die Hände frei, etwas zu bewegen und ins Leben zu bringen, das eben noch nicht da war: Leichtigkeit statt Anspannung. Zufriedenheit statt Veränderungswunsch. Innere Ruhe statt Verzweiflung.

Ich öffne noch einmal die Tür unseres Schlafzimmers einen Spalt. Mein Sohn liegt in den Armen meiner Frau, beide schlafen, er atmet friedlich. In diesem Moment weiß ich, dass ich gerade die Zone der Wunder betreten habe.