Große Bücher, die uns tief in der Seele und im Herzen berühren können, müssen keine dicken Romane sein. Oft liegt der Zauber verdichtet in gut 100 Seiten, die einen lange anhaltenden, tiefen Eindruck hinterlassen …

Margrit Jüttes Buch „Der Heilgesang – von der seelentiefen Reise eines mutigen Vogels“ ist so eine kleine Perle – eine wunderschöne, farbenfrohe Parabel für das Leben, für die Suche nach sich selbst, nach dem eigenen Platz im Leben und für die Sehnsucht der Seele, die ganze Weite des Lebens zu erfahren und gleichzeitig nach Hause zu kommen. Es erinnert uns an unsere ursprüngliche Verbindung mit der Erde, mit der Natur und mit all ihren Geheimnissen, mit der Weisheit ihrer Lebewesen – den sichtbaren und unsichtbaren.

In kraftvollen Bildern und in einer Sprache, die das Wort „poetisch“ von der ersten  bis zur letzten Seite verdient, führt uns die Erzählerin durch die „Wunder-volle“ Reise des kleinen goldgelben Vogels Amarí. Obwohl die Handlung linear verläuft, gleicht sie doch eher einem Kreis, oder vielen Kreisen – immer zurück zu sich selbst, zu den eigenen Fragen und Antworten. Das Buch erinnert uns an unsere eigenen Themen, unsere eigene Suche und an die Leere und Traurigkeit, die sich manchmal in unseren Alltag schleicht.

So beobachtet Amarí „die zielstrebigen Bewegungen seiner Gefährten, die scheinbar genau wussten, was sie taten und worum es in ihrem Leben ging. Nur er selbst hatte das Gefühl, gar nichts mehr zu wissen“, er spürte nur noch „das Verlangen nach einer Antwort, die ihn von seiner Schwermut heilen könnte“. Er lebt in einer Welt, „deren Bewohner leider zum größten Teil das Sehen verlernt haben. Sie nehmen lediglich die Abbilder ihrer Eitelkeiten wahr.“ Ihm kommt sie vor „wie eine Welt voller Vögel mit gebrochenen Flügeln. Und das schlimmste daran ist, dass sie denken, so sei es normal. Sie haben vergessen, wer sie sind.“ Obwohl er ein Vogel ist, ist er noch nie geflogen, wie alle anderen in seiner Welt auch nicht. Es gilt unter ihnen als unnormal. Stattdessen schauen die Vögel lieber jeden Tag in die Spiegel des „Saals der goldenen Scheiben“ und erfreuen sich an den bunt schillernden Mustern, die sich ihnen dort zeigen.

Amarís Sehnsucht nach einem anderen Leben wird irgendwann so groß, dass er in eine ihm fremde Welt aufbricht, weil er erkennt, „dass das, was wir fürchten, eigentlich eine Möglichkeit ist, die uns das Leben schenkt, um besser zu begreifen“. Er findet sich im „Waldland“ wieder und trifft dort auf seine neuen Begleiter und Führer, die Vögel Salinok und Altos, sowie die Vogeldame Lerla, die zu seiner Seelengefährtin wird. Salinok verrät ihm: „Wahr ist das, was in dir klingt.“ Amarí entdeckt mit Hilfe der „Meister der Heilgesänge“ seine ganz eigene Melodie, der immer mehr Teil der großen gemeinsamen Symphonie des Lebens wird.

Die Geschichte ist mit einem feinen, leisen Humor und mit kleinen, wunderbaren Weisheiten durchzogen, etwa wenn Altos Amarí ermahnt: „Viel reden kann dem Verstehen manchmal entgegenwirken.“ Er ist es auch, der ihn erinnert: „Es ist sehr wichtig, seine Gefühle zu kennen. Und es ist gut, im Laufe des Lebens so viele Gefühle wie möglich kennenzulernen. Mit ihnen Freundschaft zu schließen, wie mit fremden Wesen, die man, je besser man sie kennt, auch immer mehr respektieren lernt. Und dann können sie einem sehr viel beibringen.“ Der Schwan, auf dem Amarí durch die Weiten des neuen Landes fliegt, trägt seinen Teil zum Erwachen des kleinen Vogels bei: „Folge deiner Sehnsucht, vertraue ihr. Sie gibt dir deine Flügel zurück.“ Amarí lernt tatsächlich wieder zu fliegen und stellt fest: „Es war doch eigentlich so einfach, wenn man nur daran glaubte, dass man es konnte!“

Schließlich kommt es zur entscheidenden Begegnung mit Lunala, der Wasserschlange, die einst alles Leben gebar. Sie lebt im Herzsee, der den Schmerz aller Herzen auf der Welt speichert und trübe geworden ist. Amarí erlebt eine mystische Erfahrung von Tod und Wiedergeburt, aus der er zutiefst verändert hervorgeht. Gleichzeitig trägt er damit zur Heilung des Sees bei. Er kehrt zurück in seine gewohnte Welt, doch sie ist nicht mehr dieselbe, weil er sich selbst verändert hat.

Das Ende der Geschichte vermeidet zum Glück eine kitschige „Alle sind gerettet und leben fröhlich bis an ihr Ende“-Variante. Es öffnet vielmehr Raum zum Nachdenken, zu eigener Reflexion über jenes Erkennen, jene Entwicklung, die Amaré genommen hat und die wir alle durchleben können, weil sie Teil unserer eigenen Existenz ist:

„Die Welt um ihn her erschien ihm plötzlich als ein großes Geheimnis, das lebte und atmete und gleich einem verzauberten, unergründlichen Wesen sein ureigenes Leben führte, unabhängig davon, was man über es denken oder herausfinden mochte. Ein Geheimnis, das unerschlossen bleiben würde, egal wie oft man die Wälder durchstreifen und die Flüsse überfliegen würde. Der einzige Weg eines jeden lebendigen Geschöpfes, sich diesem lebendigen Geheimnis anzunähern, war, es mit jeder Faser seines Körpers und seiner Seele einzuatmen, es zu fühlen.“

Die Geschichte des kleinen golfgelben Vogels Amarí, in der viele Anklänge an den Schamanismus indigener Völker Südamerikas zu finden sind, berührt beim Lesen un(ter)bewussten Ebene, und sie wahrscheinlich ist am besten zu verstehen, wenn man nicht so viel nachdenkt, sondern sich einfach ganz mit in die oft traumhaften Bilder hineinbegibt, seiner eigenen inneren Stimme lauscht und wahrnimmt, was das Herz und die Seele dazu zu sagen haben. Oder, wie Salinok auf dem Weg meint: „Es gibt Antworten, die liegen in einem Bereich jenseits des Denkens, einem Bereich, den du dir selbst zugänglich machen musst.“

Margrit Jütte: Der Heilgesang. Von der seelentiefen Reise eines mutigen Vogels.
Amazon Kindle Direkt Publishing KDP
118 Seiten
ISBN: 978-1521005705
9,99 Euro
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