Sich selbst entdecken und Schreibblockaden überwinden

Ich werde oft gefragt, wie man Schreibblockaden überwinden oder lösen könne. Ich schlage dann immer eine andere Frage vor: „Was kann die Ursache für deine Schreibblockade sein?“

Die Erfahrung zeigt: So vielfältig die Ursachen für Nicht-schreiben-Können auch sein mögen, so gibt es doch ein Kernthema, das sich wie ein roter Faden durch die Schreiberfahrungen zieht: Das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Ich wette, du hast so einen Moment auch schon einmal erlebt: Die besten Vorhaben, Zielsetzungen und Selbstversprechen helfen nichts – du bleibst mit deinem Schreibfluss stecken oder startest gar nicht erst. Denn plötzlich meldet sich eine Stimme in dir und fragt zweifelnd: „Wer, meinst du denn, möchte das schon lesen, was du schreibst?“ Oder sie sagt: „So gut, wie der Autor X / die Schriftstellerin Y / deine beste Freundin Z schreibst du doch lange nicht!“ (Vielleicht sagt sie noch ganz andere Sätze zu dir, die aber alle auf eins hinauslaufen: „Vergiss es, das wird nie Gnade vor den Augen deiner Leser finden – nicht mal vor dir selbst!“)

Und schon hat diese Stimme recht – du fängst an, ihr zu glauben, deinen Zweifeln nachzugeben. Doch mit jedem Gedanken daran, wie wenig wert dein Schreiben sein könnte oder wie schlecht andere deinen Text finden könnten, verlierst du ein Stück weit den Kontakt zu deinem Selbstvertrauen, deiner dir innewohnenden Kreativität und Genialität, kurz: zu dir selbst.

Die gute Nachricht an dieser Stelle: Das ist völlig normal. In meinen Kursen führe ich immer die „Selbsterniedrigungstasse“ ein – sie funktioniert wie eine „Chauvi-Tasse“ in Beziehungen, bei der Partner nach dummen Sprüchen einen Euro einzahlen müssen. Hier sind die dummen Sprüche jene, die uns und anderen sagen, wir seien nicht gut genug. (Übrigens funktioniert diese Tasse hervorragend, selbst, wenn nicht wirklich Geld eingezahlt wird – denn sie weckt und schärft das Bewusstsein, wie stark wir manchmal in solchen negativen Gedankenkreisen festhängen – und wie automatisch wir sie aussprechen.)

Wenn wir sehr offen und ehrlich auf uns selbst schauen, lässt sich zudem entdecken, dass das eigene (Ver-)Urteilen gar nicht unsere eigene Stimme ist, sondern Meinungen und Urteile anderer wiedergibt, die wir irgendwann einmal – zumeist unbewusst und ungewollt – übernommen haben. Ungeprüft haben sie sich dann in uns als Glaubenssatz verfestigt. Und die sind hartnäckig, wie wir wissen, zudem rein kognitive Versuche, daran etwas zu ändern („Ich nehme mir jetzt ganz doll vor, mein Schreiben nicht mehr als wertlos zu empfinden!“) bekanntermaßen zum Scheitern verurteilt sind.

Mögen wir diese falschen Gedanken über uns auch noch so gut verdrängen, im entscheidenden Moment (und der ist meistens zugleich der unpassendste) melden sie sich ungebeten an der Oberfläche zurück und sorgen ein ums andere Mal dafür, dass wir unsere Texte verreißen, hängenbleiben oder gar die Lust am Schreiben und das Vertrauen verlieren, dass wir der Welt etwas Wertvolles zu sagen haben und es auch auf unsere individuelle, wunderbare Weise ausdrücken können. Je öfter wir so eine Erfahrung machen, desto stärker fördern wir einen negativen Kreislauf, dessen Bewegung nur eine Richtung hat: nach unten.

Es geht also darum, diese Spirale umzukehren, und am besten fangen wir dort an, wo die Erfolgsaussichten auf aktive Veränderung am größten sind: bei uns selbst.

Wie geht das?

Im Folgenden habe ich dir ein paar Übungen zusammengestellt, die dich dabei unterstützen, dir selbst auf die Schliche zu kommen, dich mit deinem Schreibpotenzial zu verbinden und so jene Geschichten aufs Papier und in die Welt zu bringen, die du schon immer schreiben wolltest.

1. Fange wieder an, dich zu spüren. Wenn du angespannt bist und dein Schreiben abbrichst, halte inne. Nimm ein paar tiefe Atemzüge und verlagere deine Aufmerksamkeit von den Gedanken an die Blockade auf deinen Körper. Nimm dich wahr – was fühlst du gerade? Atme weiter tief ein und aus, bis du einen Zustand von gelassener Ruhe erreicht hast. Wenn du das verkrampfte Nachdenken loslässt, gibst du deinem Gehirn die Möglichkeit, für dich statt gegen dich zu arbeiten – und es eröffnet dir neue Räume und Zugang zu deiner Intuition und deinem inneren Wissen.

2. Praktiziere Dankbarkeit. Das mag im Zusammenhang mit Schreibblockaden zunächst merkwürdig klingen, ist aber in kreativen Prozessen hochwirksam: Indem du dich bewusst auf das konzentrierst, was gut läuft, wo du Dinge erfolgreich schaffst, wofür du dankbar sein kannst, stärkst du jenen Teil in dir, der an dich glaubt und der dir unterstützende, fördernde Gedanken über dich schickt.

3. Sei nachsichtig und achtsam mit dir. Es macht nichts, wenn du einmal nicht schreiben kannst. Lass den Stift oder die Tastatur liegen, steh auf und geh eine Runde spazieren. Tu dir etwas Gutes. Blockaden entstehen auch dadurch, dass du ein normales Schwanken in deinem kreativen Output zu verhindern versuchst und verurteilst und dadurch die Phase der Schreibunlust verlängerst. Behandle dich wie deine beste Freundin oder deinen alten Freund, der gerade durch eine schwierige Phase geht: Mit Verständnis, Aufmerksamkeit und Fürsorge.

4. Schreibe absichtslos. Unterbrich deine eigentliche Schreibarbeit hin und wieder einfach mal mit intuitivem Schreiben. Indem du deine Gedanken – so, wie sie gerade kommen –unzensiert aufs Papier fließen lässt, schaffst du Entlastung und Raum für neue, frische Ideen. Dieses „freie“ oder „expressive“ Schreiben schaltet deinen inneren Zensor eine Zeitlang aus und wirkt wie eine Gedankenhygiene, wie ein geistiger Frühjahrsputz.

Wenn du diese Übungen regelmäßig anwendest, wirst du eine Verbesserung spüren. Auf dieser Grundlage möchte ich dir nun noch eine letzte Übung zeigen, die es in sich hat: Es geht an deine Glaubenssätze ran!

5. Die Busfahrt. Diese kreative Imagination ist besonders effektiv, wenn du entdecken möchtest, was genau dich eigentlich beim Schreiben zurückhält. „Wenn wir jene Eigenschaften, die wir ablehnen, nicht liebevoll annehmen, werden sie uns so lange Schwierigkeiten bereiten, bis ihre Bedürfnisse erfüllt sind“, sagt die amerikanische Autorin Debbie Ford, die diese Übung entwickelt hat.

Hierbei ist es besonders wichtig, dass du ganz auf deine innere Stimme und die Gedanken, Bilder und Empfindungen, die sich dir zeigen, vertraust. Sorge für eine Atmosphäre, in der du dich wohlfühlst, und entspanne dich. Nimm dir dann ein Blatt Papier. Stelle dir nun vor, wie du in einen Bus voller Menschen einsteigst – sie alle repräsentieren einen bestimmten Aspekt von dir, vor allem auch jene, die du selbst an dir nicht so gerne magst. Sie alle haben für dich ein Geschenk, eine wichtige Botschaft mitgebracht. Setze dich nun hin und warte. Welche der Mitfahrenden – also deiner Eigenschaften – steht auf und kommt zu dir? Wie ist diese Person angezogen, wie sieht sie aus? In welcher Stimmung ist sie, was sagt ihre Körpersprache aus? Frage sie nach ihrem Namen, welchen Charakterzug sie repräsentiert und warum sie hier ist. Höre gut zu. Frage sie dann:

„Was brauchst du, um ganz zu sein?“
„Welches Geschenk hast du für mich?“
„Gibt es noch irgendetwas, das du mir sagen willst?“

Schlage die Augen auf und notiere alle Botschaften, die du bekommen hast. Welche wichtige Erkenntnis konntest du gewinnen? Diese Subpersönlichkeiten wollen einfach nur deine Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Wenn du dir die Zeit nimmst, ihnen zuzuhören, kannst du eine überraschende Weisheit und intuitive Intelligenz aktivieren.

Wenn du dich das nächste Mal zum Schreiben hinsetzt, kannst du auch „präventiv“ bewusst eine oder mehrere dieser Übungen anwenden. Probier’s mal aus! Wie helfen sie dir, in den Schreibfluss zu kommen?

Vertiefen? Achtsames Schreiben!